Soziale Rollen

Wir handeln nie einfach als „wir selbst“: Wir sind Tochter, Schüler, Freundin, Trainer – und jede Rolle bringt Erwartungen mit. Wie Gesellschaft Menschen formt und wie Menschen ihre Rollen selbst gestalten, erforschen Dahrendorf, Mead und andere.

So arbeitest du mit der Seite: Lies die Erklärungen, probiere die Simulationen aus und löse die Aufgaben im Abschnitt „Üben“. Die Seite passt zu Kohlberg und zum Konditionieren.

Grundbegriffe: Sozialität und Rolle

Menschen sind soziale Wesen: Wir werden in Beziehungen geboren, lernen durch andere und handeln in Rollen. Die Soziologie fragt, wie das funktioniert.

BegriffBedeutungBeispiel
Position (Status)Ein Ort im Geflecht sozialer Beziehungen, den Menschen einnehmen können.Lehrerin, Schülerin, Trainer, Mutter
RolleDie Erwartungen, die an den Inhaber einer Position gerichtet sind.Eine Lehrkraft soll unterrichten, gerecht benoten und die Aufsicht führen.
BezugsgruppeMenschen, die Erwartungen an eine Position richten und deren Erfüllung beobachten.Schüler, Eltern, Kollegium, Schulleitung
NormVerbindliche Regel des Handelns.Schulgesetz, Höflichkeit
SanktionReaktion der Gruppe auf Erfüllung (Belohnung) oder Verletzung (Strafe, Missbilligung) einer Erwartung.Lob, Abmahnung, Ausgrenzung
RollensetDie Gesamtheit der Rollen, die zu einer Position gehören (Robert K. Merton).Lehrkraft für Schüler, Eltern, Kollegen, Schulleitung
SozialisationDer Prozess, in dem Menschen Normen, Werte und Rollen lernen und ihre Persönlichkeit entwickeln.Familie, Peergruppe, Schule, Medien

Merke: Eine Person hat mehrere Positionen zugleich (ein Rollenbündel) und wechselt zwischen ihnen. Die Rolle ist nicht die Person: Sie beschreibt, was erwartet wird, nicht, wer jemand ist. Ob und wie eine Person die Erwartungen erfüllt, ist eine andere Frage – und darum streiten die Theorien.

Rolle bei Linton und Merton

Ralph Linton (1936) trennte Status (Position) und Rolle: Die Rolle ist der dynamische Aspekt eines Status – das erwartete und ausgeübte Verhalten. Robert K. Merton beschrieb das Rollenset: Zu einer Position gehören mehrere Rollenbeziehungen zu unterschiedlichen Gruppen, die verschiedene Erwartungen stellen und Konflikte auslösen können.

Ralf Dahrendorf: Homo Sociologicus

Der Soziologe Ralf Dahrendorf (1929–2009) beschreibt den Menschen als Träger sozialer Rollen. Die Gesellschaft tritt dem Einzelnen als Bündel von Erwartungen gegenüber, hinter denen Sanktionen stehen.

Die Grundgedanken

In seinem Essay „Homo Sociologicus“ (1958) entwirft Dahrendorf eine Kunstfigur: den Menschen, so wie ihn die Soziologie sieht, nämlich als Inhaber von Positionen, an die Rollen gebunden sind. Die Rolle besteht aus Erwartungen, die verschiedene Bezugsgruppen an den Positionsinhaber richten. Die Gesellschaft ist für ihn eine Tatsache, die dem Einzelnen zwingend gegenübersteht und nicht einfach abzuschütteln ist.

Die Erwartungen unterscheiden sich in ihrer Verbindlichkeit. Dahrendorf unterscheidet drei Stufen:

ErwartungNormSanktionBeispiel
MussRecht, Gesetz, DienstpflichtStreng, formell (Strafe, Abmahnung, Bußgeld); Erfüllung gilt als selbstverständlichAufsichtspflicht der Lehrkraft, Rot an der Ampel
SollSitte, moralische NormSoziale Missbilligung, Ansehensverlust, AusgrenzungGrüßen, Pünktlichkeit, sich bedanken
KannBrauch, GewohnheitKaum Nachteile bei Nichterfüllung; Erfüllung wird belohnt (Lob, Sympathie)Kuchen zum Sommerfest, freiwillige AG

Rollenkarte: Wer erwartet was?

Wähle eine Position und klicke dann eine Bezugsgruppe an. Du siehst die Erwartungen, geordnet nach Muss, Soll und Kann. Schalte die Sanktionen dazu und überlege, wie streng die Gruppe reagiert.

Wähle eine Bezugsgruppe.

Rollenkonflikte

Weil eine Person mehrere Rollen hat und Bezugsgruppen Verschiedenes erwarten, entstehen Konflikte. Beim Interrollenkonflikt widersprechen sich die Erwartungen verschiedener Rollen einer Person; beim Intrarollenkonflikt widersprechen sich die Erwartungen verschiedener Bezugsgruppen innerhalb einer Rolle. Wähle ein Beispiel und probiere Lösungsstrategien aus.

Wähle ein Beispiel und eine Strategie.

Einordnung und Kritik

Was bedeutet das für Erziehung und Schule?

Schule ist ein Ort, an dem Rollen eingeübt werden: Lernende und Lehrende erfüllen Erwartungen und lernen, wie Gesellschaft funktioniert. Rollen geben Orientierung und entlasten, sie können aber auch einengen. Pädagogisch wichtig ist, Rollenerwartungen transparent zu machen, Konflikte zu besprechen und Spielräume zu eröffnen.

Kritik am Rollenmodell

Kritiker werfen dem Modell vor, den Menschen als fremdbestimmt darzustellen: Er erfüllt Erwartungen, statt sie zu gestalten. Das Modell blendet Machtunterschiede und Aushandlungsprozesse aus und behandelt Rollen als fest. Interaktionistische Ansätze (Mead, Goffman, Krappmann) betonen dagegen, dass Rollen ausgehandelt, interpretiert und verändert werden. Dahrendorf selbst betonte, dass der Homo Sociologicus eine Modellfigur ist und keine Beschreibung des ganzen Menschen.

Sanktionen und Lernen

Dahrendorfs Sanktionen entsprechen lerntheoretisch Verstärkung und Bestrafung: Lob und Anerkennung verstärken rollenkonformes Verhalten, Missbilligung und Strafe senken abweichendes Verhalten (operante Konditionierung). Rollenkonformität ist damit auch Ergebnis von Lernen. Vertiefung: Seite zum Konditionieren.

George Herbert Mead: Selbst durch Rollenübernahme

Der amerikanische Philosoph und Sozialpsychologe George Herbert Mead (1863–1931) erklärt, wie Identität entsteht: nicht von innen heraus, sondern in der Begegnung mit anderen.

Die Grundgedanken

Mead gilt als Wegbereiter des symbolischen Interaktionismus. Menschen verständigen sich durch Symbole, vor allem durch Sprache. Wer spricht, muss sich vorstellen, wie das Gesagte beim anderen ankommt. So lernt ein Kind, die Perspektive anderer einzunehmen (Rollenübernahme, role-taking) und sich selbst mit deren Augen zu sehen. Das Selbst entsteht, indem wir uns selbst zum Objekt machen können. Seine wichtigsten Werke wurden erst nach seinem Tod aus Vorlesungsmitschriften seiner Studierenden veröffentlicht („Mind, Self and Society“, 1934).

Von Play über Game zum verallgemeinerten Anderen

Nach Mead entwickelt sich die Fähigkeit zur Rollenübernahme in Stufen. Klicke die Stufen an und beobachte das Diagramm: Wie viele Perspektiven muss das Kind gleichzeitig berücksichtigen?

I und Me: das Selbst in Aktion

Nach Mead hat das Selbst zwei Seiten: Das Me enthält die verinnerlichten Erwartungen der anderen (der „verallgemeinerte Andere“). Das I ist die spontane, kreative, unvorhersehbare Antwort der Person darauf. Beide zusammen bilden das Selbst. Wähle eine Situation und stelle den Regler ein.

Perspektivwechsel üben

Situation: Jonas kommt zum dritten Mal in dieser Woche zu spät und unterbricht den Unterricht. Wechsle die Perspektive und lies, wie die Situation aus anderer Sicht aussieht. Das ist Rollenübernahme im Kleinen.

Wähle eine Perspektive.

Einordnung und Kritik

Mead und Kohlberg

Die Fähigkeit, Perspektiven zu übernehmen, ist eine Voraussetzung für höheres moralisches Urteilen. Kohlberg knüpft an den Gedanken der Rollenübernahme an: Auf höheren Stufen bezieht Moral immer mehr Blickwinkel ein, vom Einzelnen über Gruppen und Gesellschaft bis zu allgemeinen Prinzipien. Der verallgemeinerte Andere ist verwandt mit der Orientierung an Gesetz und Ordnung. Vertiefung: Seite zu Kohlberg.

Mead und Modelllernen

Im Play ahmen Kinder Bezugspersonen nach. Das erinnert an das Modelllernen nach Bandura: Verhalten wird durch Beobachten übernommen. Mead betont zusätzlich die Rolle der Sprache und der wechselseitigen Erwartungen.

Kritik an Mead

Kritisiert wird, dass Mead Macht und soziale Ungleichheit kaum berücksichtigt und das Bild eines weitgehend harmonischen Zusammenspiels zeichnet. Der Begriff des Selbst und das Verhältnis von I und Me sind schwer empirisch zu prüfen. Manche halten die Betonung von Sprache und Sozialisation im Kindesalter für zu einseitig.

Rollen gestalten: Goffman und Krappmann

Menschen erfüllen Rollen nicht einfach, sie stellen sie dar, deuten sie und halten Abstand. Identität ist ein Balanceakt zwischen den Erwartungen anderer und dem eigenen Anspruch.

Erving Goffman: Das Leben als Bühne

Erving Goffman (1922–1982) beschreibt in „Wir alle spielen Theater“ (1959) soziales Handeln als Darstellung vor Publikum. Auf der Vorderbühne zeigen wir die Fassade, die zur Rolle gehört; auf der Hinterbühne legen wir sie ab und bereiten uns vor. Mit dem Begriff Rollendistanz beschreibt er, dass Menschen zeigen, dass sie mehr sind als ihre Rolle, etwa durch Ironie oder Scherze. Ausprobieren: Wähle eine Rolle und wechsle die Bühne.

Lothar Krappmann: Identitätsbalance

Lothar Krappmann (1969) beschreibt Ich-Identität als Balance: Wer in Interaktionen bestehen will, muss den Erwartungen anderer gerecht werden und zugleich eigene Ansprüche wahren. Dafür braucht er vier Fähigkeiten: Empathie (Perspektiven anderer verstehen), Rollendistanz (Erwartungen prüfen, nicht unreflektiert erfüllen), Ambiguitätstoleranz (Widersprüche und Mehrdeutigkeit aushalten) und Identitätsdarstellung (die eigene Besonderheit vermitteln). Stelle die Regler ein und beobachte das Profil.

Einordnung

Wie hängen die Ansätze zusammen?

Dahrendorf betont die Erwartungen der Gesellschaft, Mead die Entstehung des Selbst in Interaktion, Goffman die Darstellung, Krappmann die Balance von Erwartung und Eigenem. Zusammengenommen entsteht ein Bild: Rollen sind vorgegeben, werden aber gelernt, gedeutet und gestaltet. Die Spielräume dafür sind ungleich verteilt und hängen von Macht, Situation und Fähigkeiten ab.

Bedeutung für Schule und Erziehung

Schule sollte Rollendistanz, Empathie und Ambiguitätstoleranz fördern, zum Beispiel durch Rollenspiele, Perspektivwechsel, Dilemma-Diskussionen und Klassenrat. Kinder und Jugendliche brauchen Räume, in denen sie Rollen ausprobieren dürfen, ohne dass alles bewertet wird (Hinterbühnen).

Verbindungen zu Lernen und Moral

Rollentheorien stehen nicht für sich: Sie berühren Fragen des Lernens und der moralischen Entwicklung.

RollentheorieVerbindung
Dahrendorf: SanktionenLob und Strafe verstärken oder schwächen Rollenverhalten (operante Konditionierung).
Mead: Play und GameKinder übernehmen Rollen durch Nachahmung und Beobachtung (Modelllernen nach Bandura).
Mead: RollenübernahmePerspektivübernahme ist Voraussetzung für höhere Moralstufen bei Kohlberg; der verallgemeinerte Andere ist verwandt mit der Orientierung an Gesetz und Ordnung.
Krappmann: Rollendistanz, AmbiguitätstoleranzDie Fähigkeit, Erwartungen kritisch zu prüfen und Widersprüche auszuhalten, ähnelt dem prinzipiengeleiteten Urteilen auf den höchsten Moralstufen.

Üben

Bearbeite die Aufgaben in beliebiger Reihenfolge. Zu jeder Antwort gibt es eine kurze Erklärung. Deine Ergebnisse bleiben nur in diesem Fenster.

Muss, Soll oder Kann?

Ordne die Erwartungen nach Dahrendorf ein: Wie verbindlich sind sie, und wie streng wird sanktioniert?

Welcher Begriff passt?

Wähle den passenden Fachbegriff.

Wer sagt das?

Ordne die Aussage der Theorie oder dem Theoretiker zu.

Inter- oder Intrarollenkonflikt?

Prüfe, ob sich Erwartungen zwischen verschiedenen Rollen (Inter) oder innerhalb einer Rolle (Intra) widersprechen.

Richtig oder falsch?

Prüfe die Aussagen zu den Theorien.

Transferaufgaben

Überlege dir zuerst deine Antwort und vergleiche sie danach mit der Musterlösung. Sie ist ein Vorschlag, keine einzige richtige Antwort.

Aufgabe 1: Meine Rollen analysiert

Wähle eine deiner Positionen (zum Beispiel Schülerin oder Schüler, Vereinsmitglied, Kind). Nenne zwei Bezugsgruppen, je eine Muss-, Soll- und Kann-Erwartung mit möglichen Sanktionen und beschreibe einen Rollenkonflikt.

Musterlösung anzeigen
  • Position: Schüler. Bezugsgruppen: Lehrkräfte und Eltern (auch Mitschüler).
  • Muss: regelmäßig am Unterricht teilnehmen (Schulpflicht; Sanktion: Verweis, Bußgeld). Soll: Hausaufgaben erledigen und höflich sein (Sanktion: Missbilligung, schlechte Noten, Ärger). Kann: bei einer AG oder Aktion mitwirken (Belohnung: Lob, Anerkennung).
  • Rollenkonflikt: Klausurvorbereitung (Schüler) gegen den Wunsch des Freundes nach Unterstützung (Freund): Interrollenkonflikt. Strategien: Prioritäten setzen, Kompromiss, ehrlich erklären.

Aufgabe 2: Play, Game und der verallgemeinerte Andere

Erkläre Meads drei Stufen am Beispiel einer Mannschaftssportart, in der Kinder spielen. Erkläre auch, wie das Me dabei entsteht.

Musterlösung anzeigen
  • Play: Ein kleines Kind spielt „Trainer“ oder „Torwart“ und ahmt die Rolle einer Bezugsperson nach, die es kennt.
  • Game: Im Mannschaftsspiel muss das Kind wissen, was alle Mitspieler tun, und sein Handeln darauf abstimmen; es berücksichtigt mehrere Perspektiven gleichzeitig und die Spielregeln.
  • Verallgemeinerter Anderer: Das Kind verinnerlicht die Regeln und Erwartungen der Gemeinschaft (Fairness, Regeln des Vereins) und bewertet sein Verhalten daran.
  • Me: Die verinnerlichten Erwartungen (Regeln, Teamgeist) bilden das Me; das I ist die spontane Reaktion, etwa ein überraschender Pass.

Aufgabe 3: Dahrendorf oder Mead?

Vergleiche Dahrendorf und Mead: Wie viel Freiheit lassen ihre Modelle dem Einzelnen? Beurteile, welche Theorie dir für die Erklärung von Verhalten in der Schule überzeugender erscheint, und begründe.

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  • Dahrendorf: Rollen sind gesellschaftlich vorgegeben und mit Sanktionen verbunden; das Modell betont Zwang und Konformität, Handlungsspielraum bleibt eher gering.
  • Mead: Das Selbst entsteht in Interaktion; das I bringt Spontaneität und Veränderung; Rollen werden übernommen und gedeutet.
  • Schule: Dahrendorf erklärt Regeln, Erwartungen und Sanktionen (Noten, Ordnungsmaßnahmen). Mead erklärt, wie Schüler ihre Identität und ihr Selbstbild durch Rückmeldungen und Perspektivwechsel entwickeln.
  • Ein begründetes Urteil verbindet beide: Erwartungen wirken stark, werden aber gedeutet und ausgehandelt (Goffman, Krappmann).

Aufgabe 4: Eine Berufsrolle analysiert

Analysiere die Position einer Pflegekraft im Krankenhaus mit Dahrendorf (Bezugsgruppen, Muss/Soll/Kann), Mead (Rollenübernahme, Me und I) und Goffman (Vorderbühne und Hinterbühne). Schreibe zwei bis drei Sätze pro Theorie.

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  • Dahrendorf: Bezugsgruppen sind Patienten, Ärzte, Stationsleitung und Angehörige. Muss: Schweigepflicht und Hygienevorschriften einhalten. Soll: einfühlsam und geduldig sein. Kann: bei Stationsfeiern helfen. Sanktionen reichen von Abmahnung über Missbilligung bis zu Lob.
  • Mead: Die Pflegekraft muss sich in die Lage der Patienten hineinversetzen (Rollenübernahme). Berufsethik und Vorschriften bilden das Me (verallgemeinerter Anderer); eine spontane, einfühlsame Geste in einer besonderen Situation ist das I.
  • Goffman: Vorderbühne ist das Patientenzimmer (Ruhe, Freundlichkeit, Fassade der Kompetenz), Hinterbühne das Dienstzimmer (Austausch, Erschöpfung, Frust ablassen).