Klassisches Konditionieren
Beim klassischen Konditionieren lernt ein Organismus, dass ein Reiz einen anderen ankündigt. Danach reagiert er schon auf das Signal – auch wenn der eigentliche Auslöser noch fehlt.
Der Versuch von Pawlow
Der russische Physiologe Iwan Pawlow (1849–1936) erforschte die Verdauung von Hunden und erhielt dafür 1904 den Nobelpreis. Dabei fiel ihm auf: Die Hunde sonderten Speichel nicht nur beim Fressen ab, sondern schon beim Anblick des Futters oder beim Erscheinen des Pflegers.
Um das gezielt zu untersuchen, koppelte er das Futter mit Signalen, unter anderem mit einer Glocke und einem Metronom. Nach einigen Durchgängen genügte das Signal allein: Der Speichel floss schon beim Läuten.
Die fünf Rollen
| Kürzel | Begriff | Bedeutung | Im Pawlow-Versuch |
|---|---|---|---|
| UCS | unkonditionierter Reiz | löst ohne Lernen eine Reaktion aus | Futter |
| UCR | unkonditionierte Reaktion | angeborene Reaktion auf den UCS | Speichelfluss beim Fressen |
| NS | neutraler Reiz | löst zunächst keine bedeutsame Reaktion aus | Glocke vor dem Training |
| CS | konditionierter Reiz | der frühere NS, der nach der Kopplung die Reaktion auslöst | Glocke nach dem Training |
| CR | konditionierte Reaktion | erlernte Reaktion auf den CS, meist der UCR ähnlich | Speichelfluss beim Läuten |
Merke: Ein Reiz kann seine Rolle wechseln. Die Glocke ist zuerst ein NS und wird erst durch die Kopplung mit dem UCS zum CS. In manchen Büchern stehen US und UR statt UCS und UCR.
Der Ablauf in drei Phasen
Vorher
NS Glocke → keine Speichelreaktion
UCS Futter → UCR Speichelfluss
Währenddessen
Glocke, kurz danach Futter → Speichelfluss
Diese Kopplung wird mehrfach wiederholt.
Nachher
CS Glocke → CR Speichelfluss
Das Futter ist für die Reaktion nicht mehr nötig.
Selbst experimentieren
Du leitest den Versuch. Koppele Glocke und Futter mehrmals und beobachte, wie die Verbindung wächst. Probiere danach aus, was passiert, wenn das Futter ausbleibt – und was nach einer Pause geschieht. Die Simulation ist ein vereinfachtes Modell und zeigt keine echten Messwerte.
Noch nichts geschehen. Läute die Glocke und beobachte den Hund: Sie ist zu Beginn ein neutraler Reiz.
Phase: vor der Konditionierung
Kurve: Wie viele der 8 Tropfen die Glocke allein auslöst. Marker: ● Glocke, dann Futter ○ nur Glocke ■ nur Futter ▲ Pause
Wichtige Phänomene
Akquisition (Erwerb)
Die Verbindung zwischen CS und UCS entsteht. Am Anfang wächst sie schnell, später immer langsamer, bis sie fast ihren Höchstwert erreicht. Der CS sollte kurz vor dem UCS beginnen und ihn zuverlässig ankündigen: Nicht nur die zeitliche Nähe zählt, sondern auch, ob der CS den UCS tatsächlich vorhersagt.
Extinktion (Löschung)
Erscheint der CS wiederholt ohne den UCS, wird die CR schwächer und verschwindet schließlich. Die Verbindung ist dadurch nicht einfach vergessen: Der Organismus lernt zusätzlich, dass der CS nichts mehr ankündigt.
Spontanerholung
Nach einer Pause taucht die gelöschte CR in abgeschwächter Form wieder auf. Das zeigt, dass die Löschung die ursprüngliche Verbindung nicht vollständig entfernt. Probiere es in der Simulation aus: erst „Nur Glocke“ mehrmals, dann „Einen Tag Pause“.
Reizgeneralisierung
Auch Reize, die dem CS ähneln, lösen die CR aus, zum Beispiel ein anderer Glockenton. Je ähnlicher der Reiz, desto stärker die Reaktion.
Reizdiskrimination
Wird nur ein bestimmter Reiz mit dem UCS gekoppelt und ein ähnlicher nie, lernt der Organismus zu unterscheiden. Die Generalisierung nimmt dann ab.
Konditionierung höherer Ordnung
Ein bereits gelernter CS kann selbst als Auslöser dienen. Wird ein neuer neutraler Reiz mit ihm gekoppelt, löst auch dieser schließlich die CR aus, ohne dass je der ursprüngliche UCS dabei war.
Gefühle lernen: Little Albert und die Schule
Klassisches Konditionieren erklärt nicht nur Speichelfluss, sondern vor allem Gefühle. John B. Watson und Rosalie Rayner koppelten 1920 bei dem neun Monate alten „Little Albert“ eine weiße Ratte (zuvor neutral) mit einem lauten Schlaggeräusch (UCS, löst Schreck aus). Bald reagierte Albert schon auf die Ratte mit Angst und übertrug sie auf ähnliche Dinge wie ein Kaninchen oder einen Pelzmantel. Aus heutiger Sicht ist der Versuch ethisch nicht vertretbar.
Im Schulalltag verbinden sich Gefühle ebenso mit Situationen: Ein Raum, eine Lehrkraft oder eine Klassenarbeit kann zum CS für Angst werden – aber auch für Vorfreude und Wohlbefinden. Angst lässt sich durch Gegenkonditionierung abbauen, etwa in der systematischen Desensibilisierung nach Wolpe: Die gefürchtete Situation wird in kleinen Schritten mit Entspannung verbunden.
Operantes Konditionieren
Beim operanten (auch instrumentellen) Konditionieren lernt ein Organismus aus den Folgen seines eigenen Verhaltens. Was sich lohnt, wird häufiger gezeigt; was sich nicht lohnt oder unangenehm endet, seltener.
Von der Problemkiste zur Skinner-Box
Edward L. Thorndike (1874–1949) setzte hungrige Katzen in Problemkisten, aus denen sie sich durch Ausprobieren befreien mussten. Draußen wartete Futter. Mit jedem Durchgang gelang der Ausbruch schneller. Daraus formulierte er das Gesetz des Effekts: Verhalten mit angenehmen Folgen wird wahrscheinlicher, Verhalten mit unangenehmen Folgen unwahrscheinlicher.
B. F. Skinner (1904–1990) entwickelte diesen Gedanken weiter. In seiner Experimentierbox drückt eine Ratte einen Hebel oder eine Taube pickt auf eine Taste; ein Gerät liefert Futter und zeichnet jede Reaktion auf. Er nannte das Verhalten „operant“, weil es auf die Umwelt einwirkt („operiert“) und von seinen Konsequenzen gesteuert wird.
Das ABC-Schema
Die Situation zeigt an, welches Verhalten sich lohnen könnte. Die Konsequenz bestimmt, ob das Verhalten in dieser Situation künftig häufiger oder seltener auftritt.
Vier Konsequenzen
Zwei Fragen genügen: Kommt ein Reiz hinzu oder fällt er weg? Und wird das Verhalten danach häufiger oder seltener? „Positiv“ und „negativ“ bedeuten dabei hinzufügen und wegnehmen – nicht gut und schlecht. Klicke ein Feld an.
Wähle ein Feld, um Definition und Beispiele zu sehen.
Wirkung statt Absicht: Ob eine Konsequenz verstärkt oder bestraft, erkennst du erst daran, was mit dem Verhalten geschieht. Ein Tadel kann für ein Kind, das Aufmerksamkeit sucht, ein Verstärker sein.
Skinner-Box: Verstärkerpläne ausprobieren
Nicht jede Reaktion muss verstärkt werden. Der Verstärkerplan legt fest, wann Futter kommt, und prägt damit Tempo, Pausen und vor allem die Hartnäckigkeit des Verhaltens. Im Diagramm steht jede Reaktion für einen Schritt nach oben: Je steiler die Kurve, desto schneller reagiert das Tier. Die Punkte auf der Kurve markieren Futterkugeln.
Das Tier verhält sich in der Simulation nach typischen Mustern aus der Forschung. Es ist ein vereinfachtes Modell, keine echte Messung.
Wähle einen Verstärkerplan und starte den Versuch.
Waagerecht: Zeit in Sekunden. Senkrecht: Summe aller bisherigen Reaktionen. Punkte: Futterkugel. Gestrichelte Linie: Verstärker abgeschaltet.
Ausprobieren: Lass den Plan „Kontinuierlich“ etwa 100 Sekunden laufen und schalte dann die Verstärker ab. Wiederhole das mit „Variable Quote“. Bei welchem Plan gibt das Tier später auf? Das Ergebnis heißt Löschungsresistenz: Wer nur gelegentlich verstärkt wurde, hält länger durch.
| Plan | Regel | Typisches Muster | Alltagsbeispiel |
|---|---|---|---|
| Kontinuierlich (CRF) | Jede Reaktion wird verstärkt. | Schnelles Lernen, aber auch schnelles Löschen. | Lichtschalter |
| Fixe Quote (FR) | Nach einer festen Anzahl von Reaktionen. | Hohe Rate, kurze Pause nach jeder Verstärkung. | Stücklohn |
| Variable Quote (VR) | Nach im Mittel n, nicht vorhersehbaren Reaktionen. | Sehr hohe, gleichmäßige Rate; sehr löschungsresistent. | Spielautomat |
| Fixes Intervall (FI) | Erste Reaktion nach einem festen Zeitabstand. | Rate steigt kurz vor der nächsten Verstärkung (Fächermuster). | fester Klausurtermin |
| Variables Intervall (VI) | Erste Reaktion nach einem wechselnden Zeitabstand. | Mäßige, gleichmäßige Rate. | unangekündigte Kurztests |
Quote bedeutet: Es zählt die Anzahl der Reaktionen. Intervall bedeutet: Es zählt die vergangene Zeit; verstärkt wird dann die erste Reaktion nach Ablauf.
Weitere Begriffe
Löschung und Löschungsausbruch
Bleibt die Verstärkung dauerhaft aus, nimmt das Verhalten ab. Anfangs kann es kurz zunehmen (Löschungsausbruch), bevor es abklingt. Löschung verlangt Konsequenz: Gibt man zwischendurch doch nach, wird das Verhalten gelegentlich verstärkt – und dadurch noch hartnäckiger.
Verhaltensformung (Shaping)
Komplexes Verhalten wird in kleinen Schritten aufgebaut. Zuerst wird jede Annäherung an das Zielverhalten verstärkt (sukzessive Approximation), später nur noch die nähere. So lernt eine Taube, sich im Kreis zu drehen, oder ein Kind, eine lange Aufgabe Schritt für Schritt zu bewältigen.
Primäre und sekundäre Verstärker
Primäre Verstärker wirken ohne Lernen, etwa Nahrung oder Wärme. Sekundäre Verstärker haben ihre Wirkung erst durch die Kopplung mit primären gelernt: Geld, Lob, Sterne, Punkte. Diese Kopplung ist selbst klassisches Konditionieren. In Token-Systemen werden Punkte gesammelt und gegen Belohnungen eingetauscht.
Bestrafung im Unterricht
Bestrafung senkt Verhalten oft nur kurzfristig und nur in der Situation, in der bestraft wird. Sie zeigt nicht, was stattdessen zu tun ist, und hat Nebenwirkungen: Angst, Vermeidung, Aggression und ein belastetes Verhältnis zur strafenden Person. Meist ist es wirksamer, erwünschtes Alternativverhalten zu verstärken.
Grenzen des Ansatzes
Der Behaviorismus blendet innere Vorgänge aus. Kognitive Ansätze und das Modelllernen nach Bandura zeigen, dass Menschen auch durch Beobachtung lernen, ohne selbst verstärkt zu werden. Außerdem können äußere Belohnungen die Freude an einer Tätigkeit untergraben, die man vorher um ihrer selbst willen getan hat (Korrumpierungseffekt).
Klassisch und operant im Vergleich
| Merkmal | Klassisches Konditionieren | Operantes Konditionieren |
|---|---|---|
| Grundfrage | Welcher Reiz kündigt welchen an? | Welche Folgen hat mein Verhalten? |
| Zentrale Personen | Pawlow, Watson | Thorndike, Skinner |
| Was wird gelernt? | Verbindung zwischen zwei Reizen | Verbindung zwischen Verhalten und Konsequenz |
| Art des Verhaltens | reflexhaft, körperlich, emotional – wird ausgelöst | meist willkürlich – wird gezeigt |
| Reihenfolge | Der Reiz kommt vor der Reaktion. | Die Konsequenz kommt nach dem Verhalten. |
| Rolle des Lernenden | Die Reize kommen von außen; er reagiert. | Er wirkt durch sein Verhalten auf die Umwelt ein. |
| Ergebnis | Der CS löst eine CR aus. | Das Verhalten wird häufiger oder seltener. |
| Löschung | CS wiederholt ohne UCS | Verhalten wiederholt ohne Verstärkung |
| Beispiel | Herzklopfen beim Summen des Bohrers | Häufigeres Melden nach Lob |
Zusammenspiel: Schulangst
Im Alltag treten beide Formen gemeinsam auf. Die Zwei-Faktoren-Theorie von Mowrer erklärt das am Beispiel von Ängsten: Die Angst entsteht klassisch, denn ein Raum oder eine Lehrkraft wird zum CS. Das Vermeiden – Schwänzen, Bauchschmerzen, Fernbleiben – wird operant negativ verstärkt, weil die Angst dabei nachlässt.
Deshalb bleibt die Angst bestehen: Wer vermeidet, erlebt nie, dass der CS ungefährlich geworden ist. Die Löschung findet nicht statt. Pädagogisch heißt das: Angst abbauen, indem man die Situation in kleinen, gut begleiteten Schritten wieder aufsucht.
Üben
Bearbeite die Aufgaben in beliebiger Reihenfolge. Zu jeder Antwort gibt es eine kurze Erklärung. Deine Ergebnisse bleiben nur in diesem Fenster und werden nirgends gespeichert.
Rollen bestimmen
Ordne jedem Element des Beispiels seine Rolle zu. Tipp: Derselbe Reiz kann zuerst NS und später CS sein – es kommt darauf an, wann im Beispiel er vorkommt.
Klassisch oder operant?
Entscheide bei jeder Aussage, um welche Form des Lernens es geht.
Verstärkung, Bestrafung oder Löschung?
Bestimme jeweils, welche Konsequenz vorliegt. Achte darauf, ob ein Reiz hinzukommt oder wegfällt und ob das Verhalten häufiger oder seltener wird.
Welcher Verstärkerplan?
Frage dich: Zählt die Anzahl der Reaktionen (Quote) oder die vergangene Zeit (Intervall)? Ist die Regel fest oder wechselnd?
Transferaufgaben
Überlege dir zuerst deine Antwort und vergleiche sie danach mit der Musterlösung. Sie ist ein Vorschlag, keine einzige richtige Antwort.
Aufgabe 1: Panik vor dem Vortrag
Aylin hat seit einer missglückten Präsentation, bei der einige lachten, Panik, sobald sie vor der Klasse stehen soll. Beschreibe den Lernvorgang mit den Fachbegriffen des klassischen Konditionierens und nenne eine Möglichkeit, die Angst abzubauen.
Musterlösung anzeigen
- UCS: das Lachen der Mitschüler; UCR: Scham und Angst in diesem Moment.
- NS: vor der Klasse stehen. Durch die Kopplung wird es zum CS.
- CR: Panik schon beim Gedanken oder beim Aufstehen, ohne dass jemand lacht.
- Möglichkeiten zum Abbau: Extinktion durch wiederholte Vorträge, bei denen nichts Schlimmes geschieht, oder Gegenkonditionierung in kleinen Schritten (erst vor einer Freundin, dann vor der Gruppe) mit Entspannung.
- Wichtig: Vermeidet Aylin Vorträge, wird das Vermeiden negativ verstärkt und die Angst kann nicht gelöscht werden.
Aufgabe 2: Dazwischenrufen
Jannik ruft ständig dazwischen. Die Lehrkraft ermahnt ihn jedes Mal, die Klasse lacht, Jannik strahlt. Sein Verhalten nimmt zu. Erkläre das mit dem operanten Konditionieren und entwickle einen Vorschlag zur Veränderung.
Musterlösung anzeigen
- Verhalten: dazwischenrufen. Konsequenz: Aufmerksamkeit der Lehrkraft und Lachen der Klasse.
- Das ist positive Verstärkung: Ein angenehmer Reiz kommt hinzu, das Verhalten nimmt zu. Die Ermahnung wirkt trotz guter Absicht als Verstärker, denn die Wirkung entscheidet.
- Interventionen: Dazwischenrufen möglichst nicht beachten (Löschung; mit einem Löschungsausbruch rechnen und konsequent bleiben), Melden sofort verstärken (Alternativverhalten), klare Regeln vereinbaren, das Verhalten der Klasse einbeziehen, evtl. Token-Plan.
- Bei Störungen, die man nicht ignorieren kann, helfen eine kurze, sachliche Reaktion ohne Publikum und eine Rückmeldung außerhalb des Unterrichts.
Aufgabe 3: Nur mit Strafen arbeiten?
Ein Kollege möchte im Unterricht vor allem mit Strafen arbeiten, weil sie schnell wirken. Nimm Stellung und begründe mit Begriffen des operanten Konditionierens.
Musterlösung anzeigen
- Bestrafung unterdrückt Verhalten oft nur kurzfristig und situationsabhängig; es kehrt zurück, wenn die strafende Person fehlt.
- Sie zeigt nicht, welches Verhalten stattdessen erwünscht ist. Verstärkung von Alternativverhalten baut Neues auf.
- Nebenwirkungen: Angst, Vermeidung, Aggression, belastete Beziehung. Über klassisches Konditionieren können Schule oder Lehrkraft selbst zum CS für negative Gefühle werden.
- Der schnelle Erfolg verstärkt die strafende Person selbst („es wirkt ja“) und macht Strafen für sie wahrscheinlicher.
- Sinnvoller: erwünschtes Verhalten verstärken, Regeln und Folgen klar und vorhersehbar halten, angemessene Konsequenzen zeitnah und konsequent anwenden.